Die Männermode-Schauen in Mailand und Paris haben gezeigt, dass klassische Kategorien heute Makulatur sind und nur der innovativ wirkt, der über die Grenzen der Genres hinaus denkt und eine hybride Mode aus Formal-, Casual- und Activewear entwirft. Diese fällt allerdings weniger lässig und einen Tick „angezogener“ aus als in der vorherigen Saison.
Der moderne Mann ist mobil, vernetzt und permanent unterwegs. Sein Outfit ist darum ein Crossover-Mix von funktionellen, technischen und formellen Elementen. Er muss in jeder Situation, sei es auf Achse oder im Meeting, eine optimale Figur machen. Er muss Diversität und Multioptionalität ausstrahlen; entspannt und gleichzeitig kompetent. Er braucht Taschen und Stauräume, Schichten und Varianten.
Der klassische Anzug erfüllt diese Anforderungen nicht, weswegen in Mailand und Paris für Frühling 2011 intensiv an neuen Lösungen gearbeitet wurde. Vier Kollektionen sind exemplarisch für diesen hybriden Kollektionsansatz: Bottega Veneta und Burberry in Mailand sowie Lanvin und Hermès in Paris.
Bei Bottega Veneta kombinierte Designer Tomas Maier einmal mehr raffinierte Casualwear mit einer formellen Note, ohne dabei in klassisches Fahrwasser zu geraten. Vieles funktioniert über die belebten Oberflächen, die elegant knittrig und gewaschen wirken, aber niemals zerstört oder abgenutzt. Wichtig sind neue, superleichte Nylons, etwa für Windbreaker, und dicht gewobene Baumwolle, welche in subtil abgestimmten Naturfarben und im Zusammenspiel mit feinem Leder oder Mikroperforationen eine ganz eigene Lebendigkeit entwickeln.
Burberry bleibt seiner Geschichte treu und schöpft auch für den Frühling aus dem Fundus seiner (Mantel-)Historie. Neu werden die Parkas und Duffles aber mit Motocross-Hosen und Biker-Westen kombiniert, die einen Schuss Rock’n Roll in den Explorer-Spirit bringen. Die neue Kombination gibt Christopher Baileys Handschrift einen Schuss Aggressivität und nimmt der Kollektion die historisierende Note.
Hermès präsentierte Luxushybrid-Mode in Reinkultur: Veronique Nichanian baut auf den ultraleichten Zweiknopfanzug auf, bricht ihn aber durch Kombinationen mit Elementen oder ganzen Teilen aus der Sportswear. Das Resultat kann ein Hemd mit dem Rücken eines Blousons, einem Reissverschluss oder einer Kapuze sein.
Auch Lanvin fusioniert High-Performance-Bekleidung mit mehr konservativen Klassikern, die eine eindeutige Einordnung verweigern und wie eine sehr schlaue Antwort auf die textilen Sehnsüchte des modernen, urbanen Nomaden wirken.
Nach der Krawatte sucht man in den meisten Kollektionen wiederum fast vergeblich. In Raf Simons extrem konzeptioneller und grafischer Schau schimmert sie unter halbtransparenten Overshirts durch, und bei Dolce & Gabbana duckt sie sich ganz schmal und Ton-in-Ton auf das weisse Hemd bzw. bei Prada unter das „V“ eines Pullovers. Viel öfter sieht man dagegen ein flamboyantes Halstuch oder Foulard.
Weiss ist für kommenden Frühling superzentral – lange schon sah man keine derartig lebendigen Spiele innerhalb der hellen Nichtfarben mehr, und zwar in vielen, auch sehr kommerziellen Menswear-Kollektionen.
Das Farbspektrum öffnet sich von der Weisspalette aus in Richtung Beige- und Sandtöne, auch diese wiederum in vorwiegend tonigen Kombinationen, sowie in Richtung von grauen Kalk-, Asphalt- und Rauchfarben, welche überreich vorhanden sind.
Wer mehr Farbe will, wird vielleicht mit der neuen Offensive aus der grünen Ecke glücklich – hier kommt, passend zum Zeitalter der Nachhaltigkeit, eine „grüne Welle“ auf uns zu. Natürlich darf man auch weiterhin getrost auf die verlässlichen, wenngleich nicht mehr ganz so neuen Blaupaletten setzen – neue Inspirationen dazu liefert etwa Prada.
Die von Jil Sander vorgeschlagenen, flächig eingesetzten Technipastels und Graphicolors dürften vorerst eher etwas für den Avantgarde-Bereich sein. Wahrscheinlicher ist es, dass sehr kräftige Farben als Accessoire-Akzente vorkommen – Giorgio Armani zeigte etwa neongelbe Gürtel zu sandfarbenen Baumwollanzügen.
Das Modebild von morgen ist recht pragmatisch und verzichtet meistens auf historisierende Referenzen. Insofern sind Schauen wie die von Yohji Yamamoto, der die Menswear der vergangenen Jahrhunderte hervorkramte oder die von John Galliano, der eine Hommage an Charlie Chaplin lancierte, eher Ausnahmen.
Wenn neue Role Models gebraucht werden, so sind die neuen Typen sicher eher im Bereich der Hirten zu finden, die mit losen Schichten von Kleidung und wilden Bärten die Laufstege erobern. Andererseits ist das Spektrum der Mods und Rocker noch nicht ausgereizt – die Jugendkultur der 50’s und 60’s kann mit etwas Geschick durchaus zeitgemäss aufgewärmt werden.
Auffällig ist, dass die Schnitte sich von den extrem körperbetonten Silhouetten der letzten Jahre wegbewegen und teilweise fast schon in Richtung gezügelter Überweite tendieren. Der Parka tut dies ganz ungekünstelt und kommt deswegen häufig vor. Shorts sind omnipräsent, auch zum Sakko, und werden am Saum oft ein wenig hochgerollt. Ein auffälliger Saison-Favorit wird der sommerlich interpretierte Dufflecoat in leichteren Materialien.
Bei den Sakkos bleibt das etwas verkürzte Zweiknopf-Sakko der Standard, aber der gefittete Zweireiher macht deutlich Boden gut. Bei den Hosen wird die Palette von Chinos und Khakis sicher noch einmal ausgeweitet, selten auch in sehr weiten Schnitten – die gewaschenen, hellen Baumwollhosen haben die Jeans als Basis der Menswear abgelöst.
Punkto Prints lassen sich im Bereich der kleinen Tapeten-, Krawatten- und Buchvorsatz-Muster sowie bei Pyjamas neue Motive finden. Wer weniger experimentell veranlagt ist, bleibt eine weitere Saison lang mit allen Arten von bunten Checks auf der sicheren Seite.
(Alle Bildcollagen aus Material von style.com und thesartorialist.com)