Bei den Schweizer Modemachern liegen derzeit die Nerven blank. Dafür gibt es gute Gründe. Der erste: die „Zürich Fashion Days“ haben schwer an der Contenance genagt - scheinbar hat die Backstage-Organisation im „Puls 5“ auch dem zähesten Vertreter des hiesigen Modegewerbes den letzten Nerv geraubt. Der zweite: Man hat den Schweizer Modemachern - „established“ oder „upcoming“ - ein interessiertes Publikum versprochen, sie dann aber mit einer 11-Uhr-Show am Vormittag abgespeist, bei der der Saal mehr als halbleer war.
Der dritte Grund: Es hat kein ernst zu nehmendes (Print-)Medium über die Schauen der Schweizer Modemacher ein paar substanzielle Zeilen geschrieben. Im allgemeinen Gedöns um den Hauptsponsor Charles Vögele, seine beiden prominenten Botschafterinnen Monica und Penelope, den hoch dotierten Swiss Textiles Award und seine internationalen Bewerber sowie der Hysterie um Ex-Missen und andere Berühmtheiten auf dem roten Teppich blieb schlicht kein Platz mehr, auch noch über die Talente eigener Provenienz zu sprechen. Die Schlagzeilen gingen an andere. Anders gesagt: Alle haben von den Fashion Days etwas gehabt, nur die Schweizer, die gingen praktisch leer aus. Entsprechend hoch ist das Frustpotenzial nun.
Und darum haben sich in den letzten 24 Stunden gleich mehrere der „established“ Swiss Designers beschwert, dass sie auf dem Onlineportal des Magazins „Z“ (also: hier) mit einigen wenigen, nicht die ganze Fülle ihres Schaffens würdigenden Zeilen abgetischt wurden, die sich unzureichend mit der Komplexität ihrer Kollektionen befasst. Explizit richtet sich der Unmut gegen ein Fazit, das zu folgendem Schluss kam: „Es ist ein grosser Niveauunterschied zwischen dem Schweizer Modeschaffen und den internationalen Mitbewerbern sichtbar, die am Vorabend um den Swiss Textiles Award kämpften. Die Schweiz bleibt in der Mode ein kleines Land - auch die "Fashion Days" werden das nicht so schnell ändern.“
Dies, so die Kritik der Gestalter, würge eine Initiative im Keim ab, statt die Fashion Days mit ein paar konstruktiven Worten zu unterstützen und so dem Entstehen von etwas Neuem Vorschub zu leisten. Den Damen und Herren, die sich so gemeldet haben, sei‘s gedankt. Ich bin zwar gegen je Form der heimatschützerischen Sonderbehandlung. Aber es war fürwahr etwas grob und unsensibel, sie in dieser schweren Stunde so alleine zu lassen und nur zwei Halbsätze zu posten. Mea culpa! Für einen Bericht in der Zeitung ist es nun aber zu spät, die Aufmerksamkeit der NZZ war dem Swiss Textiles Award gewidmet. Und auch die Sonntagsausgabe unserer Zeitung hat leider praktisch nur über griechische Gewinnerinnen und Schweizer Missen geschrieben!
Und darum holen wir nach, was noch zu sagen wäre, und widmen jedem der Schweizer Talente ein paar weitere Zeilen, die hoffentlich etwas Balsam auf die geknechteten Seelen sind.
Aluar Balagan: Diese zwei Designer haben überrascht. Mit einer Show, die einer Idee folgte; einer Kollektion, die überbordend reich an Ideen war; mit einem Look, der verstörend anders und nicht irgendwo abgeschaut war und einer Design-Sensibilität, die - falls etwas weitere „destilliert“ - Ansätze zur echten Autorenschaft hat. 8/10 Punkte.
Heinrich Brambilla: In diesem Fall müssen wir die Beurteilung des Gesehenen bestätigen: Grossartige intellektuelle und handwerkliche Arbeit am Schnitt, wirklich eigenständige Entwicklungen und Formen - aber etwas zu wenig „Zug“ und letztlich für den Catwalk etwas „still“. Man wünschte sich, diese Kollektion in einem intimeren Salon-Defilé wiederzusehen, um ihr ganzes Potenzial zu erkennen. 7/10 Punkte.
Portenier Roth: Wir bleiben dabei - im Prinzip gute Anlagen da, interessante Schnitte, zeitgenössische Volumen, eine gute Portion Alltag und stoffliche Sensibilität. Aber die matte Musik hat jeden Anflug von Stimmung verhindert. Eine Schau ist doch immer auch eine Show, nicht wahr? 7/10 Punkte.
Lela Scherrer: Hier kommt schon erkennbar mehr als nur der Durchschnitt zusammen - Lela versteht es, die Balance zwischen Design-Anspruch und Alltagstauglichkeit zu halten und lässt Tagesbekleidung zu, die eine interessante neue Facette anklingen lässt. Die Farben, die Musik und die Choreographie waren stimmig. 7/10 Punkte.
Toujours toi - Family affairs: Nina Egli und ihre Familie haben ihre Fans - das haben wir so - und mit einer gewissen Anerkennung für gekonntes Self-Marketing - geschrieben. Diese Fans mögen unter Umständen auch gerne Chiffonblusen, mit oder ohne Schleife. Die Kollektion sah ordentlich aus: nicht rasend kreativ, aber stimmungsvoll zusammengesetzt und mit einem guten Riecher für den Zeitgeist gestylt. 6/10 Punkte.
Redley Exantus; Für die Begriffe des hier Berichterstattenden eine Kollektion mit Potenzial. Wohlan, die mittig in der Körperachse gespiegelten Digitaldrucke sah man zwar schon bei McQueen in unerreichbarer Schönheit, aber das Thema liegt in der Luft und deshalb bekommt die Genferin 6 von 10 Punkten.
Kazu Huggler: Wir mögen, ja lieben diese elegante Zürcherin mit dem Hang für Asiatisches sehr. Aber ihre jüngste Show zielte mit viel Gimmicks und einer etwas anrührenden Über-Menschlichkeit am Kern der Marke vorbei. Kazu braucht doch keine Gags -wer hat ihr bloss zu etwas anderem geraten? 5/10 Punkte.
Tran Hin Phu: Der Zürcher Couturier operierte mit dieser Kollektion teilweise etwas an der Grenze: zu viel Stoffe, Volumen, Drama und Versuche, zu wenig erkennbare Linie. Wir mögen an sich den Mut zur grossen Geste - aber auch das Talent zur Lässigkeit, das hier nicht an den Tag gelegt wurde. 5/10 Punkte.
Saro by Sandro Schwyzer: Hier muss ein Fragezeichen gemacht werden, ob diese Kollektion im richtigen Programm lief. „Established“ ist ein bisschen frivol für einen Designer, dessen Kollektion noch kaum einer im Saal kannte - im Gegensatz zu den vier anderen KollegInnen. Saro zeigte damit zwar Willen und bestätigt dies mit dem kommerziellen Dreh seiner Kreationen, doch liess seine Nominierung das ganze Programm eher zufällig erscheinen. 5/10 Punkte.
Aleksandra Wisniewska: Diese junge Designerin hat noch nicht ihre ganze gestalterische Reife gefunden und zeigte eine Kollektion, die buchstäblich zu sehr „mit der heissen Nadel genäht“ war. 4/10 Punkte.
So, das war‘s - und das muss für den Moment auch reichen. Widerrede ist allerdings immer willkommen, und auch ich habe die Hoffnung, dass aus diesen Zürich Fashion Days im nächsten Jahr etwas wächst, das uns weiterbringt. Es ist gut, diese konzentrierte Dichte an Mode in der Stadt zu haben, es inspiriert und belebt. Sogar morgens um elf Uhr ...