Glücklich kann sich eine Firma wähnen, welche mit Karl Lagerfeld ein Projekt realisieren kann. Er ist ein Superstar, der Michael Jackson der Modebranche, den die ganze Welt kennt: er ist exzentrisch, glamourös und leicht bizarr. Lagerfeld hat viele geniale Entwürfe zu Stande gebracht. Sein grösste Leistung ist wohl der immense Output in seiner über fünzigjährigen Karriere und seine Gabe, Begehrlichkeit zu wecken. Wer mit Lagerfeld kollaborieren kann, hat es mit einem Mann zu tun, der von vielen als "Genie" verehrt wird.
Lagerfeld Ende Januar 2011 bei der Chanel Haute Couture Show .(AP Photo/ Francois Mori)
Der umtriebige Modedesigner/Fotograf/Verleger/Star ist spätestens seit seiner Kollaboration mit H&M ein beliebter und dankbarer Kopf für Firmen, die für Kooperationen einen prestigeträchtigen Künstler suchen. Eine gemeinsames Projekt mit Meister Karl ist eine begehrte Sache, von der beide Parteien profitieren.
Resultate vergangener Lagerfeld-Projekte haben eines gemein: Sie haben Aufsehen erregt. Die dabei entstandenen Produkte sind höchstens originell, gestalterisch aber mehrheitlich mittelmässig: Steiff-Bären, Mottorradhelme von Ruby, Cola-Flaschen und kürzlich Schmuckstücke für Swarovski und eine Caspule-Kollektion für die italienische Marke Hogan (deren Fortsetzung im März in Paris vorgestellt wird).
Karl Lagerfeld, 1983 piekst Ines de la Fressange. (Pierre Vauthey/CORBIS SYGMA)
Und doch scheint auch der mittlerweile 77-jährige Universalmann der Lifestyle-Branche Gefallen an den temporären Projekten finden, bringen diese doch eine Abwechslung zum Design-Alltag "seiner" Modekollektionen Chanel (seit 1984), Fendi (seit 1965)und Karl Lagerfeld (seit 1984). Dass er für seine eigene Linie Karl Lagerfeld nach all den (finanziell nicht einfachen) Jahren nicht mehr selber entwerfen will, kann als erste Müdigkeitserscheinung interpretiert werden. Wahrscheinlich sieht er die Veränderung eher als Anlass zur Neuorientierung. Die Zeit und Energie für das Entwerfen, Realisieren und Präsentieren der Lagerfeld-Kollektion will der Workaholic für ein neues Projekt aufwenden: „Massetige“, ein Kunstwort aus „Masse“ und „Prestige“ (quasi 'Prestige für die Massen), ist der Name einer neuen Linie im Niedrigpreissegment, die ab Herbst nur online erhältlich sein wird.
Karl Lagerfeld am 3. Juni 2010 mit Nicolas Sarkozy und dessen Gattin Carla Bruni bei der Ehrung zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion. (REUTERS/Jacky Naegelen)
Die Frage, wie lange Lagerfeld noch als Designer für all diese Marken noch tätig sein wird, ist längst überfällig. Einerseits ist es Zeit, Platz für junge, frische Talente zu machen, andererseits lässt sich nicht verhehlen, dass er selbst nicht mehr der Jüngste ist, so vital der Mann uns für sein Alter auch erscheint (bei seinem Kollegen Giorgio Armani stellt sich die gleich Frage). Die Modebranche ist eine schnelllebige Welt, die die Abwechslung liebt. Langsam sind wir des vorbehaltslosen Anbetens der immergleichen Modegötter - und Helden (Designern, Redaktoren,Fotografen) überdrüssig.
Karl Lagerfeld, 1979 am Zeichentisch. (KEYSTONE/DPA/Roland Witschel)
Eines ist klar – sobald bekannt wird, dass Lagerfeld nicht mehr aktiv in der Modebranche tätig sein wird, werden wir es vorerst einmal mit einer massiven Welle von Huldigungen, Rückblicken und Ehrenausgaben in den Medien zu tun haben – Carine Roitfelds Rücktritt als Chefredaktorin der Vogue Paris wird hingegen ein Klacks sein. Und so erleichtert wir auch sein werden, in Zukunft uns nicht mehr mit der Lagerfeld-Mania rumschlagen zu müssen, so sehr werden wir seine unterhaltsames Wesen vermissen.
Möge er uns also noch ein Weilchen erhalten bleiben.