Modische Erwartungen an die neue Präsidentenfamilie

Ausser einst Jackie O. sind amerikanische Präsidentenfamilien selten tonangebend, was Mode angeht. Sowohl bei männlichen wie weiblichen Politikern geht es meist darum, ein nicht unbeträchtliches Hinterteil (von den vielen Sitzungen, offiziellen Mittagessen und Dinners?, das sprichwörtliche Sitzleder?) möglichst elegant zu kaschieren und dabei stets seriös und nüchtern und ja nicht zu verspielt zu wirken.

Mit den Obamas scheint sich aber auch diesbezüglich ein Blatt zu wenden: Michelle Obamas Garderobe wird nach jedem Fernsehauftritt analysiert und entsprechend kommentiert. Nicht zuletzt ihr gekonnter Einsatz günstiger Kleider – kürzlich des Versandhauses J. Crew - erhielt Beachtung, gerade auch im Kontrast zu Sarah Palins gleichzeitigem Einkaufsexzess-Skandals. Doch nun werden auch an Mister Obama modische Erwartungen gestellt.


Foto: Imago Stock & People

"Kann Obama den Baggy-Pants-Look killen", fragt heute New York Times-Kolumnist Clyde Haberman und äussert die Hoffnung, dass das Beispiel von Obama, der in seinen Anzügen stets locker und cool wirkt, Schule machen wird. Schliesslich ist der Strafgefangenen-Look der gürtellos fallenden Hose langsam etwas alt..... und nicht zuletzt könnte ein neuer Trend der Wirtschaft helfen.

The Obamas: Hoffnung auf viel Garderobe-Klatsch

Eure „Frau in New York“ ist selbstverständlich über Obamas Wahlsieg hocherfreut und hofft, dass wir die nächsten vier (oder noch besser acht!) Jahre viel Zeit damit verbringen dürfen, Michelle Obamas Garderobe und Styling zu analysieren. Zum Glück werden wir die ätzende Palin, die mich stets an eine Zahnpastawerbung erinnert, nicht mehr so oft sehen. (Die unterkühlte Cindy McCain hätte ich fast vergessen. Ihren Kleidungsstil möchte ich auch lieber nicht weiter studieren müssen, er gehört ins Kapitel „Geld macht nicht stilvoll“.) Und nichts gegen Oscar de la Renta, aber seine Hosenanzüge, aus denen sich ironischerweise sowohl Hillary Clintons wie Laura Bushs Alltagsuniform zusammensetzt, haben wir jetzt auch oft genug gesehen, in sämtlichen Farben und Varianten.

Michelle Obama repräsentiert nicht nur eine jüngere Generation, sondern auch afroamerikanische Lebensart. Es gibt in Amerika viele Kleidermarken (und andere Produkte), die vornehmlich auf Afroamerikanerinnen zugeschnitten sind. Dies, weil sie mehrheitlich eine etwas andere Figur haben als die durchschnittliche weisse Amerikanerin, aber auch, weil sie andere Gewohnheiten pflegen. So erschien Michelle Obama beispielsweise in der Talk Show „The View“ in einem billigen Kleid der Designerin Donna Ricco, einer Warenhauslinie, die Kleider für ca. 150 Dollar produziert, die bei afroamerikanischen Frauen beliebt sind. Vielleicht wird man durch Michelle noch vermehrt Einblick in die afroamerikanische Vorlieben gewinnen.

Meine Hoffnung, in den nächsten Jahren viel Zeit mit Betrachtungen von Michelles Garderobe verschwenden zu können, bedeutet jedoch vor allem auch die Hoffnung, dass Obama die Möglichkeit haben wird, seine geschilderten Pläne wenigstens teilweise zu verwirklichen und tatsächlich etwas zu verändern. Es ist zu befürchten, dass die Republikaner von der ersten Sekunde an in die Opposition gehen und Strategien entwickeln werden, ihm möglichst viele Knebel zwischen die Füsse zu werfen. Man erinnere sich an Bill Clinton, der viel zuviele Kompromisse eingehen musste und dennoch mit einem albernen Sex-Skandal praktisch lahmgelegt wurde.

Ganz persönlich bin ich glücklich, nun doch nicht gleich meine Koffer packen und zurück-emigrieren zu müssen. Das wäre etwas schwierig, weil ich es mir mittlerweile in New York gut eingerichtet habe und zudem einen Ami geehlicht habe, für den es auf die Dauer vermutlich schwieriger wäre in Europa zu leben als für mich hier in New York. Aber wenn diese Clowns, die die Republikaner als ihre Kandidaten in den Wahlkampf geschickt haben, gewonnen hätten, hätten wir es uns ernsthaft überlegen müssen. Obamas Wahlsieg bedeutet somit erst mal neue Hoffnung und hoffentlich bald noch viel, viel mehr!

Byebye sommerliche Modesünden

Es gibt die Mode, die über die Laufstege von Weltmetropolen stolziert, in den Modeheften präsentiert wird und von den schicksten 5% der Bevölkerung getragen/interpretiert wird. Und dann gibt es die Kleider, die die Leute wirklich tragen, die man auf der Strasse, in der Subway, im Tram etc. studieren kann. Modefachleute scheinen manchmal zu vergessen, dass sich die meisten Leute nach ganz anderen Kriterien kleiden, von der das Portemonnaie kein geringes ist, gefolgt von der Bequemlichkeit und der Pflegeleichtigkeit, vor allem in Amerika. Diese Mode - wie z.B. Jeans und Sweatshirts bei Teenagern - fällt meist gar nicht genug auf, dass man sich den Kopf darüber zerbrechen würde. Ausser sie fällt negativ auf. Wie jeden Sommer brachte auch dieser wieder ein paar Modesünden ans grelle Sonnenlicht. Was ich bestimmt nicht vermissen werde, ist die unsägliche Gauchohose.




Das modische Ungeheuer begann sich in Amerika vor drei Jahren auszubreiten und wurde an Stars wie Jessica Simpson gesichtet, (was meine Vorurteile gegen sie nur bestätigt). Eine weite Hose aus dünnem Jersey, die knapp bis über das Knie reicht. Das grösste Problem ist jedoch, dass der dünne Stoff am Körper klebt und zwar sosehr, dass er auch den geringsten Ansatz eines Fettpölsterchen oder von Orangenhaut anzeigt. Die Gauchohose sieht deshalb bei 99% aller Frauen vor allem von hinten unmöglich aus. Beim restlichen Prozent wirkt sie auch nicht besonders chic. Ich halte mich seit jeweils an eine einfache Faustregel: Sieht ein bestimmtes Kleidungsstück, ein Schnitt oder auch ein Material bereits an einem Model (oder einer Zivilistin mit Model-Figur) schon unvorteilhaft aus, sieht es an allen anderen bestimmt nicht besser aus und man sollte die Finger davonlassen.

Ebenso nicht vermissen werde ich die Shorts der männlichen Besucher in meinem Fitnessclub. Selbst unter den züchtigen Amerikanern, die auch bei 40 Grad nie ärmellose T-Shirts tragen, scheint es genug Männer zu geben, die Shorts für den Workout irgendwie o.k. finden. Die Rede ist hier nicht von modischen langen Bermudas an 25jährigen strammen Burschen, sondern von diesen kurzen Knabenshorts an Männern, die den 25. Geburtstag vor zehn oder zwanzig Jahren gefeiert haben..... Es ist nicht appetitlich...

Bill Cunningham: Der Vater aller Modeblogger

Seit über zwanzig Jahren - lange bevor es die ersten Modeblogs gab, ja sogar lange bevor jeder auf dem Internet surfte - spürt Bill Cunningham in New York der Mode auf der Strasse nach und gestaltet damit die Fotoseite "On the Street", die jeden Sonntag im Inneren des Bundes "Styles" der New York Times zu finden ist.



Mit dem scharfen Blick eines Designers und Fotografen - der 79jährige Cunningham begann als Hutmacher und wurde später erfolgreicher Reporter für Women's Wear Daily - untersucht er Stilentwicklungen auf der Strasse. Dabei interessiert er sich nicht besonders für Celebrities, deren Garderobe meist von Stylisten zusammengestellt wird. Nein, ihn interessiert, was stilbewusste Leute auf der Strasse tragen, wie sie Kleidungsstücke, Taschen und Tücher durch ihre individuelle Tragweise neu interpretieren oder mit der Zweckentfremdung gewisser Stücke oder Materialien spielen.



Immer mit dem Velo und einer blauen Windjacke unterwegs, ist Cunningham eine feste Institution in New York. Der ebenso freundliche wie bescheidene Mann meidet das Rampenlicht so gut es geht und hat schon zahlreiche Anstrengungen, über seine Jahrzehnte von Stilreportagen ein Buch oder eine Ausstellung zu gestalten, ausgeschlagen. Er gibt auch keine Interviews. Immerhin ehrt ihn jetzt das Nobelgeschäft Bergdorf Goodman mit einer Ausstellung seiner wöchentlicher Fotogeschichten in seinen Schaufenstern an der Fifth Avenue. Dies ist doppelt sinnvoll, insofern dass dadurch die Ausstellung, das auf der Strasse Entstandene wieder auf die Strasse zurückbringt und zudem, weil die Ecke der Fifth Avenue und 57. Strasse als Cunninghams beliebtestes "Jagdgebiet" für Stilbeobachtungen gilt.



Auf der Redaktion der New York Times besitzt er laut Styles-Ressortchef, Trip Gabriel, weder ein Pult noch eine eigene Telefonnummer und schon gar keinen Computer. Stattdessen ist er der einzige auf der Redaktion, der seine Beiträge von A bis Z selber zusammenstellt und noch mit Film arbeitet. Nur für das genaue Layout spricht er sich mit einem Art Director der Bildredaktion ab.



Sonst redet ihm niemand drein, was der New York Times hoch anzurechnen ist. Er geht auch nie an eine Sitzung. "Seine beliebteste Ausrede ist "Ich kann nicht länger im Büro sitzen, ich muss auf die Strasse, wo die Story ist", sagt Gabriel.

Hier noch ein Bild von Bill Cunningham selber in seiner famosen blauen Windjacke: